© Theater in der Josefstadt

RIGOLETTO Interview

RIGOLETTO – Ein Spiel zwischen Zynismus und Macht

Herbert Föttinger über seine Inszinierung von RIGOLETTO.

von Christina Güllich

Was für eine Gesellschaft ist das, der wir ganz am Anfang im »Rigoletto« gegenüberstehen?

Das war natürlich auch für mich die erste wesentliche Frage, die ich mir bei meiner Beschäftigung mit Verdis »Rigoletto« gestellt habe. Im Original haben wir Kavaliere und Hofdamen, Pagen und Soldaten rund um den Duca, den Herzog von Mantua. Herausfordernd war also der Gedanke, ob und wie Figuren und Gesellschaft funktionieren, wenn man sie in die heutige Zeit übersetzt. Dazu muss man sich allerdings die zweite grundlegende Frage stellen: Wer oder was ist dieser Herzog, und wofür steht er?

Und wer ist dieser Herzog?

Zumindest jemand, der die Tochter seines politischen Gegners, Monterone, sexuell missbraucht und schändet − also ins »Heute« übersetzt: vielleicht ein korrupter Politiker, ein Mafioso, oder ein krimineller Offshore Firmenchef, der, mit Geldwäsche, Waffen- und Drogenschmuggel, Kinderprostitution oder anderem, ein verbrecherisches Netzwerk aus sogenannten »Gefälligkeiten« aufgebaut hat. Inspiration hierbei war für mich unter anderem Martin Scorseses Film »The Wolf of Wall Street« – er zeichnet eine Gesellschaft die »Moral« nicht kennt, die negiert, dass es möglicherweise andere Werte geben könnte, als den eigenen Profit und letztlich daran verbrennt. Es gibt natürlich auch eine andere Seite des Duca – auch er ist »nur ein Mensch«: er ist ein liebessehnsüchtiger kleiner Junge, vielleicht ein Homo ludens, der als armer Student verkleidet, Rigolettos Tochter Gilda für sich gewinnen möchte; der in seinem selbstgebauten eiskalten »Elfenbeinturm« Liebessehnsüchte hat und nicht begreifen kann, dass Menschen keine Marionetten sind.

Rigoletto wird als äußerlich deformierte Figur eingeführt, worin seine Sonderstellung in der Gesellschaft rund um den Herzog begründet liegt. Spielt diese äußerliche Besonderheit in Ihrem Regiekonzept eine Rolle?

Unser Rigoletto hat ein Rückgratleiden, wir zeigen, dass er ein Stützkorsett tragen muss. Rigoletto hat aufgrund seiner Schwäche einen Mechanismus gefunden damit umzugehen, aber Buckel oder nicht – die wahre Deformation liegt in seinem Inneren, eine seelische Deformation. Ein Mensch, und ich denke das kennen wir alle, der das Gefühl hat, es reicht nicht, ich entspreche nicht dem, was die Gesellschaft fordert und erwartet. Rigoletto sieht also keine andere Möglichkeit, in diesem System zu funktionieren, als sich diesem opportun anzubiedern. Obwohl er die moralischen Abgründe erkennt und hasst, verdammt er sich selbst dazu die Rolle des bösen Clows in Jokermaske zu spielen. Gleichzeitig verleiht ihm die Rolle auch Macht.

Und welche Rolle nimmt nun dieser Rigoletto in Ihrer »Wolf-of-Wall-Street«-Gesellschaft ein?

Die Rolle eines scharfzüngigen Entertainers, eines Stand-up-Comedian, die es ihm gestattet, das System und ihre Protagonisten schonungslos zu kompromittieren und bloßzustellen. Dafür gibt es einerseits Applaus und Bewunderung, vor allem, wenn der Mächtigste es amüsant findet, andererseits wird er dadurch natürlich zum Hassobjekt, denn jeder kann der Nächste sein, der von Rigoletto kalt vorgeführt wird. Rigoletto spielt mit der Schadenfreude der Gesellschaft, muss aber gleichzeitig darauf achten, die Grenzen nicht zu überschreiten. Im Fall des Grafen Ceprano gelingt ihm dieser Drahtseilakt nicht, er geht zu weit. Dadurch wird Rigoletto letztlich sein eigener Zynismus zum Verhängnis.

Wie sehen Sie Rigolettos Tochter Gilda?

Auch Gilda ist eine sehr vielschichtige Figur. Bei der literarischen Vorlage von Victor Hugo ist sie in einer Leihfamilie aufgewachsen, bei Verdi spielt es keine Rolle, wo sie herkommt. Aber wir wissen: Die Mutter ist gestorben, der Vater Rigoletto hat das Kind weggegeben, jetzt kommt sie als junge Frau wieder zurück nach Mantua und wohnt seit drei Monaten bei ihrem Vater. Eines hat sie also nie erlebt: ein gesundes, normales Elternhaus.

Welche Beziehung haben also Rigoletto und Gilda?

Gilda kann nur eine Wunschvorstellung von einem Vater haben, und Rigoletto wiederum nur eine Wunschvorstellung von einer Tochter – Trugbilder, die kein gelebtes Familienleben zur Grundlage haben. Zwar beteuern sie immer wieder gegenseitig ihre Liebe, können aber eigentlich gar nicht wissen, was dieses Gefühl wirklich bedeutet. Beide leben also in einer Scheinwelt und machen sich etwas vor. Rigoletto hat das Mädchen auch aus egoistischen Gründen zu sich geholt, damit er in seiner empathielosen Welt, so etwas wie Wärme und Liebe empfinden kann, ohne zu wissen, was es wirklich heißt, Gefühle in eine Vater-Tochter-Beziehung zu investieren. Rigoletto will ein guter Vater sein, Gilda will eine gute Tochter sein, aber sie scheitern an ihren eigenen Wunschvorstellungen.

Was haben der Herzog und Gilda für ein Verhältnis?

Der Herzog möchte eine Bürgerliche erobern, sie vermittelt ihm das Gefühl, dass sie ihn nicht erkennt und ihn um seiner selbst willen liebt. Mit seiner verspielten, unbekümmerten Art schafft er es, sie zu verzaubern. Trotzdem Gilda den jungen Mann nur in der Kirche gesehen hat, er ihr vielleicht heimlich einen Zettel zugesteckt hat, kommt ihr das Wort Liebe schnell über die Lippen. Es liegt also die Vermutung nahe, dass sie sich unbewusst wieder eine Projektionsfläche für ihre unbefriedigten Liebessehnsüchte sucht. Der Duca genießt sein Spiel mit Gilda, er misstraut aber seinen Liebesabenteuern, da er nie weiß, ob diese Gegenliebe echtes Interesse oder nur Berechnung ist.

Das hieße, er schützt sich selbst, indem er mit den anderen nur spielt?

Ja, der Mächtige wird zynisch, weil er sieht, wie die Menschen sich bei ihm anbiedern und verbiegen.

Was bringt Gilda dazu, sich für diesen Menschen zu opfern?

Ich denke, Gilda ist so besetzt von der Liebe zu diesem Duca, dass sie in ihrem Leben keine Perspektiven mehr sieht. Deshalb muss sie nicht nur ihm, sondern auch sich selbst diese Liebe beweisen – sogar dann noch, als sie bereits weiß, dass es ein einseitiges Gefühl ist. Seit ihrer Kindheit fühlt sie ständig eine Leere in sich, eine Leere, die man mit Wunschvorstellungen füllen kann – zur Not auch durch Selbstmord. Wenn Rigoletto seine Tochter in ihrem wirklichen Wesen wahrnehmen würde, könnte er erkennen, dass sie mit ihrem beinahe krankhaften Verhalten suizidgefährdet ist.

Mit welcher Figur sympathisieren Sie am meisten?

Da fällt mir die Antwort sehr leicht: mit Gilda. Wenn Sie mich aber fragen, auf welcher Figur mein Hauptaugenmerk im Sinne der Inszenierung liegt, dann ist es natürlich Rigoletto. Als politischer Opportunist ist er die brisanteste Figur des Abends, denn Mechanismen wie diese prägten nicht nur das Zeitalter Verdis. Das zieht sich leider durch die Geschichte, denken Sie an Hans Moser oder Heinz Rühmann oder Gustav Gründgens, die sich als Schauspieler dem Nationalsozialistischen System angedient haben – wohlwissend, mit welchen Machthabern sie sympathisierten. Und zu glauben, das gäbe es heute nicht mehr, wäre sehr naiv.

Zur Bühne – allein schon der Entwurf erinnert an Bilder von M.C. Escher, diese architektonischen Zeichnungen, die perspektivisch nicht funktionieren, in denen man sich immer ein bisschen verliert. Was hat es damit auf sich?

Ungefähr so war es gedacht; ein architektonischer Irrgarten der menschlichen Seele. Viele Bögen und Treppen. Ein Labyrinth, das man betritt, und aus dem man dann nicht mehr herauskommt. Die Menschen können keinen Ausgang finden, es gibt keine Erlösung. Alle bleiben in diesem Irrgarten, tot oder lebendig.

Herr Föttinger, vielen Dank für das Gespräch!