Von zwiefacher Liebe
Johannes Brahms galt zeit seines Lebens als introvertiert und wortkarg, seine Musik als nicht immer leicht zugänglich und motivisch äußerst komplex angelegt – auch wenn man sich einig war, Brahms sei der bedeutendste Nachfolger Beethovens. Umso verwunderter stellte der Wiener Musikkritikerpapst Eduard Hanslick die Frage: »Der ernste, schweigsame Brahms, der echte Jünger Schumanns, norddeutsch, protestantisch und unweltlich wie dieser, schreibt Walzer?« Und tatsächlich zählen die »Liebeslieder« op. 52, die »Neuen Liebeslieder« op. 65 wie auch die Klavierwalzer op. 39 zu Brahms’ ungewöhnlichsten und für ihn untypischsten Werken.
Ausgiebig wurde darüber spekuliert, welche emotionalen Prozesse und biografischen Umstände Brahms zum Walzer geführt haben mögen. Und schon Hanslick beantwortete seine eigene Frage, indem er meinte: »Ein Wort löst uns das Rätsel. Es heißt: Wien!« Tatsächlich war Brahms, als er 1862 erstmals in Wien mit eigenen Werken auftrat, überaus angetan von der Stadt und dessen musikbegeistertem Publikum. In der Folgezeit sollte er immer wieder dahin zurückkehren und ab 1872 schließlich endgültig in Wien sesshaft werden. Aus der Bewunderung zum Wiener Walzer machte er auch keinen Hehl, was sich eben in der Komposition seiner Liebeslieder- und Klavierwalzer liebevoll niederschlug.
Aber nicht nur die Walzerstadt hatte es dem zurückhaltenden Komponisten angetan. Auch zur Familie seines 1856 verstorbenen Freundes und Förderers Robert Schumann hegte er ein inniges Verhältnis. Dass er schon zu Lebzeiten Schumanns mehr als nur Freundschaft für dessen Frau Clara empfand, ist eindeutig belegt – und auch Clara wusste darüber wohl Bescheid und vereinbarte mit Brahms, den gemeinsamen Briefverkehr zu vernichten. Zudem fühlte er sich wohl auch zu Julie Schumann, der dritten Tochter Claras und Roberts, hingezogen; zumindest vermerkte Clara 1869 im Zuge der Verlobung Julies mit dem italienischen Grafen Vittorio Amadeo Radicati Marmorito in ihrem Tagebuch: »Johannes ist wie umgewandelt jetzt, kommt selten und ist einsilbig; auch gegen Julie. Hat er sie wirklich liebgehabt? Doch er dachte ja nie ans Heiraten, und Julie hatte nie Neigung für ihn.»
In eben dieser Zeit schuf Brahms mit den »Liebeslieder-Walzern« op. 52 ein sensibles und zartes Bekenntnis zu seinen geheimen Liebesempfindungen und einen Zyklus, der – um mit dem Lieder-Spezialisten Eric Sams zu sprechen – von »einer unterwürfigen Erotik an der Grenze zum Masochismus« zeugt. Der große Erfolg der Lieder bewog ihn dazu, im Jahre 1874 die »Neuen Liebeslieder« op. 65 zu komponieren. Wie schon bei seinem op. 52 bediente er sich auch hier an der 1855 publizierten Textsammlung »Polydora« von Georg Friedrich Daumer. Er war mittlerweile nach Wien gezogen und hatte die Schumanns zumindest geografisch hinter sich gelassen. Im letzten seiner Liebeslieder vertonte er sinnfällig ein Gedicht Johann Wolfang von Goethes: »Nun, ihr Musen, genug!«