ATLANTIS Interview
Ballettdirektor Karl Alfred Schreiner im Interview mit Christina Güllich über die Uraufführung ATLANTIS.
Laut Platons Mythos macht Poseidon seinem Sohn Atlas eine Stadt zum Geschenk: Atlantis. Die meisten haben wohl das Bild der versunkenen Stadt vor Augen und damit eigentlich nur das Ende von Platons Geschichte. Vor allem steht Atlantis jedoch für eine Stadt, in der materielle und ideelle Fülle herrschen – eine klassische Utopie. Was hat dein ATLANTIS mit dem ursprünglichen Mythos zu tun?
Der ursprüngliche Atlantis-Mythos ist eine Utopie, die in verschiedensten Versionen bis in die heutige Zeit nachhallt, indem in unseren Köpfen die Frage festsitzt, warum wir nicht in einem Land leben, in dem es allen gut geht. Die Grundgedanken, die ich dann für mich entnommen habe sind: Platz für alle und Platz für Individualität. Es hat mich weniger die Geschichte und das Schicksal dieser mythologischen Stadt Atlantis interessiert, als der philosophische, utopische Ausgangspunkt.
Dann habt ihr euch einen eigenen Handlungsstrang gesetzt.
Ich glaube, um philosophische Gedanken im Tanz verfolgen zu können, braucht man eine Art Metapher: Als Gegenpol zu Atlantis, zu diesem Ort, an dem es Platz für jeden, Platz für positive Gedanken und für Empathie gibt, Platz auch für Leute, die auf den ersten Blick nicht sinnvoll für die Gesellschaft sind – haben wir das Labor etabliert. Das Labor, in dem ein Wesen aus Atlantis von Wissenschaftler/innen untersucht, und als es stirbt, als wertlos erachtet und weggeworfen wird. Der Gegenentwurf zu Atlantis ist also eine hochtechnologisierte, hochwissenschaftliche Gesellschaft, in der jede Emotion, jeder Glaube, jeder philosophische Gedanke auf ein binäres Zahlensystem herunter gebrochen wird und wo das Individuum eigentlich keinen größeren Wert mehr hat, als die Daten die daraus gezogen werden. Ich habe für den ersten Teil das Labor gewählt, weil es für mich eine überspitzte Darstellung von der heutigen Welt ist, in der Gleichschaltung und das Streben nach gnadenloser Effizienz auch einhergehen mit dem Verlust von Empathie und mit dem Verlust von Dingen, die nicht sichtbar sind. Der Wert dieser nicht-sichtbaren Dinge ist eigentlich das Herz von Atlantis. Und der zweite Teil ist für mich die Katharsis: Ich glaube, dass Atlantis kein geographischer Ort ist, sondern ein Ort im Herzen, ein Ort im Hirn. Auf dem Weg dorthin durchläuft man einen kathartischen Prozess – dargestellt als eine Art Expedition, eine Expeditionsfahrt in das ewige Eis; der Aufbruch in etwas komplett Ungewisses, wo die Wissenschaft nicht mehr funktioniert.
Wie bist du auf das Thema gekommen?
Ich bin auf das Thema gekommen, weil ich ein Stück machen wollte, das eine Relevanz für unsere Zeit hat. Und ich glaube wenn man Stücke macht, die sich sozusagen in ein historisches Kostüm kleiden, hat man eine gewisse Distanz, von der aus man sich auf die Hauptargumente besser konzentrieren kann. Ich bin also von vorne herein in einer größeren Abstraktion, einfach dadurch, dass ich das Thema in einen abstrakten historischen Kontext stelle. Aber letzten Endes geht es mir um den gefühlten Verlust von Empathie in unserer heutigen Gesellschaft.
Warum eignet sich gerade der Tanz und der Ausdruck mit dem Körper für dieses Thema und dieses Stück?
Ich glaube für jedes Thema, das eine Abstraktion voraussetzt, eignet sich der Tanz unglaublich gut, weil man so schnell an die Grenzen des schriftlich festhaltbaren, textlich sagbaren kommt. Es hat seinen Grund, warum in der Tanzgeschichte sehr oft Märchen, Mythen und extreme Liebesgeschichten die Grundlage waren – weil da einfach das Wort aufhört. Da bleibt dir keine andere Möglichkeit. Wenn ich ein Stück über Empathie mache, kann ich natürlich eine Abhandlung drüber schreiben… Aber empathisch zu sein ist etwas wortloses und eigentlich letztlich körperliches: Die Grundform von Empathie ist eine Umarmung.
Wenn du die Choreografie mit drei Worten beschreiben müsstest, welche wären das?
Geometrisch. Gegensatz. Individuell.
Und weiter: Wie macht du dies in Bewegung sichtbar?
Ich habe versucht im ersten Teil, im Labor, mit ganz grafischen, geometrischen Formen zu arbeiten. Das betrifft zum einen die Raumkonstellation: Die Choreografie ist teilweise sehr flach, sehr zweidimensional. Und ich habe zum anderen versucht, die Individualität rauszunehmen, indem ich immer mindestens zweien dasselbe Material gegeben habe. Dadurch entmenschlicht es sich, weil nicht mehr die Interpretation des Einzelnen im Vordergrund steht. Im ersten Teil hat jede Bewegung immer Bezug zu jemandem oder etwas anderem, es geht um die perfekte Exekution.
Im zweiten Teil habe ich fast keine unisono-Teile und jedes Material ist individuell auf die Tänzer/innen choreografiert. Es gibt keine Formationen, keine kanonisierte Bewegungssprache. Das interessante an der Choreografie im zweiten Teil ist, dass ich versucht habe auf die Individualität der Kompanie einzugehen, und so stellen die 20 Tänzer/innen mit ihren jeweiligen körperlichen / tänzerischen Eigenheiten die Vielfalt von Atlantis dar.
So kann ich zum Beispiel dasselbe choreografische Grundmaterial für beide Teile verwenden, es jedoch im ersten Teil als Schrittfolge von mehreren ausführen, und im zweiten Teil individuell von einzelnen Tänzer/innen bearbeiten lassen.
Welche Rolle spielt »unter Wasser« in der Bewegungsform?
Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich glaube, es beeinflusst mich insofern, als dass Wasser als Element einfach unglaublich inspirierend ist, weil man die Bewegung und Individualität die Wasser hat, nie in eine geometrische Form wird geben können. Ich hab aber nicht speziell danach gesucht, wie sich Leute unter Wasser bewegen würden. Gar nicht. Das hätte mich aufgehalten in dem Prozess, mich auf die Tänzer/innen zu konzentrieren.
Von was oder wem lässt du dich inspirieren?
Ich glaube, dass meine größte Inspiration immer die Menschen waren, mit denen ich zusammengearbeitet hab. Mit den Tänzer/innen, Kostüm- und Bühnenbildner/innen, Musiker/innen usw. Die Gedanken von den Menschen und der Austausch sind für mich die größte Inspiration.
Was ist mit Büchern, Ausstellungen, etc.?
Natürlich habe ich wahnsinnig viel gelesen, und im Endeffekt inspiriert mich auf eine Art alles, was ich in meinem »Rucksack« habe. Aber ich glaube, dass Kunst harte Arbeit ist und ich glaube nicht an irgendwelche Eingebungen für mich alleine. Das ist auch der Grund, warum ich am Theater arbeite. Ich stelle es mir relativ schwierig vor, Monate lang ganz alleine an einer Installation zu arbeiten. Der Faktor Mensch ist für mich die größte Inspirationsquelle. Wenn ich mit den Tänzer/innen etwas entwickle, kommt eine Interpretation von dem, was ich reingegeben habe, zurück – und das ist für mich der inspirierendste Moment.
Die verwendeten Musikstücke sind allesamt zeitgenössische Kompositionen. Wie kamt ihr zu dieser Musikauswahl?
Zunächst einmal war das, was wir an vollständigen Kompositionen zum Thema Atlantis gefunden haben, weder dramaturgisch noch musikalisch überzeugend. Deshalb mussten wir verschiedene Kompositionen wählen. Da der musikalische Leiter Michael Brandstätter ein ganz umtriebiger Sucher nach neuen Klangwelten ist, enthielt unsere Liste am Anfang 60 Musikstücke von 30-35 verschiedenen zeitgenössischen Komponist/innen. Dann mussten wir überlegen: Wie kann so ein Stück aus einem Guss wirken, obwohl es mehrere Komponist/innen gibt?
Wir kamen darauf, dass dies vor allem durch eine gleichbleibende Besetzung zu erreichen ist. So kamen wir immer mehr zu den von uns letztlich ausgewählten Komponist/innen und haben gemerkt: Trotz der unterschiedlichen Kompositionen ergibt sich ein stimmiges Ganzes, da wir uns in der Besetzung festgelegt hatten. Da wir zwei Klangwelten wollten, besteht der Unterschied zwischen Labor vs. Atlantis darin, dass im ersten Teil keine menschlichen Stimmen da sind, im zweiten schon. Im Grundkern sind sich die Welten ähnlich.
Die Komposition, die maßgeblich den zweiten Teil bestimmt, ist von Dean Brett. Es ist eine Komposition für Streicherorchester und chorische Aufnahmen von Chorsätzen von Gesualdo, die eigentlich von dem Karfreitagszyklus kommen. Das heißt, das sind mehr oder minder die letzten Worte Christi, bevor er im Übergang in eine andere Welt ist. Und das hat mir, auch inhaltlich, schon besonders gefallen. Die Choraufnahmen sind tontechnisch bearbeitet und als einzelne Files mit einem Klavier verlinkt. Die Partitur ist für Klavier und Orchester geschrieben. Der Pianist spielt also nach Noten, mit dem Unterschied, dass beim Anschlag des »A’s« kein »A« herauskommt, sondern dieser jeweils zugewiesene, tontechnisch bearbeitete Chorklang. So haben wir keinen Click-Track, sondern einen Pianisten, der genauso dem Dirigat folgt.
Wie ist Atlantis im Bühnenbild dargestellt?
Atlantis muss ein fantastischer, wunderbarer Ort sein, aber ich wollte dem Ort keinen Historismus geben, also auf keinen Fall versunkene griechische Säulen hinstellen. Der Ausgangspunkt war der Wunsch nach der Möglichkeit, in Schichten zu arbeiten. In die Tiefe und auf verschiedenen Ebenen, analog zu verschiedenen Bewusstseinsebenen. Und keinen Ort darzustellen, sondern ein Gefühl, dass sich in alle Richtungen ausbreitet. Überhaupt wollten wir nicht zeigen, wie Atlantis aussieht. Also haben wir etwas gesucht, was mit Verbindung zu tun hat, aber auch einen hohen Abstraktionsgrad hat. Und so sind wir auf das Netz gekommen, das als dreidimensionales Gebilde im Raum aufgespannt ist, auf dem sich die Tänzer/innen bewegen werden.
Das Spiel mit den Raumebenen ist also ein wichtiger Aspekt der Choreografie?
Ja, sehr. Ich spiele sowohl mit der Raumtiefe, als auch mit der Raumhöhe. Es ist das erste Stück was ich mache, in dem ich die Hubpodien verwende, das heißt ich verwende zum ersten mal etwas, wo Choreografie auf mehreren Ebenen stattfindet, in die Tiefe verschwindet, aus der Tiefe kommt. Und im zweiten Teil habe ich durch das Netz etwas, das mir die Höhe erschließt und die Gleichzeitigkeit von Bewegung – ganz im Sinne von Gleichberechtigung – erlaubt.
Wie sehen die Atlantiden aus?
Das war ein schwieriger Prozess. Denn wir wollten nicht erzählen, wie Atlantiden aussehen, sondern wie Individualisten aussehen könnten. Idealerweise wären in Atlantis alle nackt. Nackte Menschen verleiten aber zum einen zu der Assoziation zu etwas religiös überhöhtem – ich glaube aber nicht, dass Atlantis ein Paradies ist, ich glaube sehr wohl, dass es da Konflikte gibt. Zum anderen kann Nacktheit im Kontext von Sexualität oder Pornografie gelesen werden. Ich wollte aber nicht, dass die Sexualität gegenüber dem Individualismus und der Freiheit der Menschen eine übergeordnete Rolle spielt. Wenn man nackte Menschen auf die Bühne stellt, ist das ein Thema, das man behandeln muss – und es war nicht in meinem Interesse das zu tun. So habe ich mich dann mit dem Kostümbildner Alfred Mayerhofer entschieden, die individuellen Trainingsklamotten der TänzerInnen als Ausgangsmaterial für das Kostüm zu nehmen, die dann noch in der jeweiligen Hautfarbe der Tänzer/innen eingefärbt wurden.
Inwieweit hat das Stück mit einer ganz aktuellen, heutigen Auseinandersetzung von Fremdheit, Perspektivwechsel und kultureller Identität zu tun?
Das sind zentrale Elemente des Stücks. Wir sehen unterschiedliche Art und Weisen, mit dem jeweils »Fremden« umzugehen: Im ersten Teil sehen wir eine Atlantidin, die als Forschungsobjekt behandelt wird und darüber hinaus keinen weiteren Wert für die Forscher hat und entsprechend nach ihrem Tod weggeworfen wird. Und im zweiten Teil sinkt ein toter Forscher zum Meeresgrund hinab und die Atlantiden geben ihm ein für ihr Verständnis gebührendes Begräbnis. Er ist absolut wertlos in dem Sinne, dass sie für sich keinen eigenen Wert aus ihm generieren können, und trotzdem erweisen Sie ihm diesen Akt.
Gibt es in dieser Geschichte eine Zuweisung von »Gut« und »Böse«?
Nein. Bewusst nicht. Es gibt keine Figur, keine Gruppe, die besser oder schlechter ist. Es gibt das Fremde und das Andere. Aber es ist weder der eine Wissenschaftler gut, noch sind die anderen Forscher per se böse. Die tun einfach das, was sie für richtig halten. Ich glaub ja auch, dass der Mangel an Empathie nicht per se etwas Böses ist.
Ist Altlanis also eine 'innere' Utopie?
Ja.
Utopie beinhaltet aber immer, dass es diesen Ort nicht gibt, dass er nicht erreichbar ist. Ist dein ATLANTIS aus deiner Sicht erreichbar?
Nein. Aber das Streben dahin. Du bist in Atlantis, sobald du dich auf die Suche danach begibst. Es ist nur in dem Sinne nicht erreichbar, weil Empathie keine Finalität hat. Ich glaube nicht, dass man an einem inneren Ort absoluter Empathie ankommen kann. Man kann sich nur auf die Reise machen.
Gibt es bei dir irgendwelche Ängste oder Bedenken, wenn du zur Probe gehst?
Ich glaube, dass ich meine Arbeit mit vollster Energie und mit meinem ganzen Selbst mache. Und wenn die Arbeit nicht gut wird… ich hab alles gegeben, ich hab alles gemacht. Wenn die Tänzer/innen mal lustlos sind, ist das nachvollziehbar. Wenn die Musik mal nicht zur Choreografie passt, dann muss man da irgendwie ran. Ich überhöhe mich auch nicht in dem Sinne dass ich denke, ich bin immer derjenige, der die besten Ideen hat. Dann sage ich das den Leuten: »Sorry, ich hab grade null Idee, gebt mir was, helft mir«. Also – nein. Ich hab da keine Ängste. Auch die Angst, dass es nicht fertig wird, die habe ich insofern nicht, weil es eh nie fertig ist.