»Zeit(w)ende«

Kammerkonzert

Nachdem der erst 14-jährige Wolfgang Amadeus Mozart mit großem Erfolg seine Oper »Mitridate« in Mailand zur Uraufführung gebracht hatte, beauftragte ihn die italienische Musikmetropole zur Komposition eines weiteren Musiktheaterwerkes. Die Uraufführung der Oper »Lucio Silla« war für die Karnevalssaison des Jahres 1773 angesetzt, und der junge Mozart durfte davon ausgehen, dass man im Zuge seines Italienaufenthaltes mehr von ihm hören wollte. Um die Arbeit an »Lucio Silla« also nicht lange unterbrechen zu müssen, entschloss er sich, mehrere Instrumentalwerke quasi »vorzukomponieren«, die er dann nur noch an die jeweilige Besetzung anpassen musste. So entstanden 1772 womöglich die drei so genannten »Salzburger Sinfonien« KV 136 bis 138 – darunter auch das Divertimento B-Dur KV 137. Diese Werke markieren eine gewisse Übergangszeit in Mozarts Schaffen sowie in der sinfonischen Musik im Allgemeinen. Der junge Komponist experimentiert hier zum einen mit kompositorischen Mitteln, die zwischen kammermusikalischen und sinfonischen Elementen changieren; zum anderen bezeugt eine ungewöhnliche Formgestaltung – das Divertimento KV 137 beispielsweise beginnt mit einem langsamen Satz – seine kreative Beschäftigung mit der Gattung der Sinfonie, die er in den Folgejahren stilprägend ausbauen sollte.

Felix Mendelssohn Bartholdy war in der Mitte der 1830er Jahre so glücklich und gleichsam unzufrieden wie noch nie. Spätestens seit der Uraufführung des Oratoriums »Paulus« war sein Status als einer der führenden deutschen Komponisten seiner Zeit unumstößlich gefestigt. 1837 heiratete er die durch ihre Schönheit bekannte Cecile Jeanrenaud und konnte sich nun eine gutbürgerliche Existenz aufbauen. Gleichzeitig bedeutete das private Glück einen tiefen Einschnitt in seine kompositorische Schaffenskraft. Mit dem Streichquartett e-Moll, op. 44 Nr. 2, das er seinem Bruder Paul 1837 zum Geburtstag schenkte, war er denkbar unzufrieden, obgleich es überaus großen Zuspruch vonseiten des Publikums empfing. Wohl lässt sich der Unmut über das Quartett mit der stilistischen Wende erklären, in der sich der Komponist zu dieser Zeit befand: Die frühe Experimentierlust war bereits verglüht, aber der spätere Reifestil noch nicht entfacht. Dennoch zieht er in seinem e-Moll-Quartett alle Register seines Könnens und wechselt immer wieder zwischen lyrischer Ausdruckskraft und nervös-hektischen Akzenten.

Olivier Messiaen komponierte sein Quatuor pour la fin du temps (»Quartett für das Ende der Zeit«) zwischen den Jahren 1940 und 1941 in einem deutschen Kriegsgefangenenlager und somit in einer dunklen Wendezeit der Menschheit. Die Uraufführung fand am 15. Januar 1941 im Lager Görlitz vor etwa 400 Kriegsgefangenen statt. Das Quartett orientiert sich nach der biblischen Vorstellung von Vögeln, die über den Abgrund der Zeit kreisen, bevor die Apokalypse das Ende alles Bestehenden einläutet. Die ungewöhnliche Besetzung ergibt sich aus den im Lager vorhandenen Instrumenten und Musikern, die zum Teil letztmalig einen kleinen Hoffnungsschimmer in die düstere Atmosphäre des Krieges tragen konnten. 

Wolfgang Amadeus Mozart Divertimento B-Dur KV 137, Version für Streichquartett*
Felix Mendelssohn Bartholdy Streichquartett e-Moll op. 44 Nr. 2*
Olivier Messiaen »Quatuor pour la fin du temps« für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier

*Die Streichquartette werden auf Instrumenten gespielt, die von dem renommierten bayerischen Instrumentenbauer Josef Kantuscher in Mittenwald als komplettes Ensemble aus einem Baum gebaut wurden.

Besetzung


Wolfgang Amadeus Mozart: Divertimento B-Dur KV 137, Version für Streichquartett*
Christian Schödl   Violine
Elisabeth Vogel   Violine
Gisela Sterff   Viola
Franz Lichtenstern   Violoncello

Felix Mendelssohn Bartholdy: Streichquartett e-Moll op. 44 Nr. 2
Elisabeth Vogel   Violine
Christian Schödl   Violine
Gisela Sterff   Viola
Franz Lichtenstern   Violoncello

Olivier Messiaen: »Quatuor pour la fin du temps« für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier
Lars Zolling   Klarinette
Susanne Sonnemann   Violine
Hans-Peter Besig   Violoncello
Kazue Tsuzuki-Weber   Klavier