»Ostsaite«

Kammerkonzert

Zeit und Musik

»Schostakowitsch war ein zu nüchterner und kluger Künstler, um den Himmel auf Erden in einer Zeit darzustellen, in der die Hölle auf Erden herrscht.« So beschreibt der russische Musikwissenschaftler Abram Gosenpud Dmitri Schostakowitsch, den vielleicht bedeutendsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Auch dessen 1924 entstandenes Präludium und Scherzo für Streichoktett op. 11 lässt gleich zu Beginn eine Art Vorausdeutung auf das Grauen des Regimes unter Josef Stalin (dieser wurde im selben Jahr zum Nachfolger Lenins ernannt) erkennen. Es beginnt betörend gefühlvoll und setzt im finalen Scherzo eine enorme Energie frei. Darüber hinaus kann  man an den beiden Sätzen des Werkes den Wandel im musikalischen Ausdruckswillen des Komponisten erkennen. Während das Präludium noch stark nach den Klangprinzipien der Romantik geschrieben wurde, löst sich das Scherzo von jeglicher funktionalen Harmonik ab und bewegt sich stark in Richtung Moderne.

Zoltán Kodálys Serenade für zwei Violinen und Viola op. 12 wurde zwei Jahre nach ihrer Entstehung, im August 1922 in Salzburg, zum internationalen Erfolg für den Komponisten. Sie kam im Rahmen des Kammermusikfestes der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik zur Aufführung und wurde auf Anhieb von den Musikliebhabern und Kritikern gleichermaßen gelobt. Kodálys Freund Béla Bartók etwa äußert begeistert: »Diese Komposition ist ein genuines modernes Produkt der ungarischen Kultur. Es ist außerordentlich reich an Melodien, deren exotische Charakterzüge vom starken Rubato der alten Bauernmusik bestimmt sind.«

Bereits im Alter von 13 Jahren begann die polnische Komponistin Grażina Bacewicz mit dem Verfassen eigener Musikwerke. Zu jener Zeit war die Abkehr von der Spätromantik und die Hinwendung zum Neoklassizismus ein wichtiger Einschnitt in der Stilistik des musikalischen Schaffens vieler Künstler. So ist auch das Quartett für vier Violinen, welches Bacewicz 1949 den Studenten des Musikkonservatoriums Krakau widmete, getreu der neuen Strömung von klanglicher Klarheit und linearen Strukturen geprägt.

Die Opuszahl 77 von Dvořáks Streichquintett in G-Dur lässt ein Werk vermuten, das in jener Zeit entstanden ist, in welcher der Komponist bereits ein gefeierter Künstler war. Tatsächlich entstand das Stückbereits im Jahr 1875 und müsste daher eigentlich mit einer deutlich früheren Opuszahl versehen werden. Zu dieser »späten Einordnung« des Werkes kam es durch die geschäftstüchtige Verkaufsstrategie eines Verlegers, der sich einen stärkeren Absatz durch eine derartige »Umdatierung« des Stückes erhoffte. Auch wenn das Quintett folglich zu Dvořáks Frühwerk gezählt werden muss, strotzt es dennoch bereits vor musikalischen Neuerungen und den typischen Eigenschaften, die auch die späteren Werke des Komponisten kennzeichnen. So sprengt es beispielsweise den Rahmen eines Kammermusikstückes, indem der erste Satz fast komplett aus dem Motiv der Einleitung entsteht, welches sich im Sinn einer sinfonischen Dichtung leitmotivisch durch die gesamte Komposition zieht.

Dmitri Schostakowitsch (19061975)
Präludium und Scherzo für vier Violinen, zwei Violen und zwei Violoncelli op. 11
Präludium – Scherzo

Zoltán Kodály (18821967)
Serenade für zwei Violinen und Viola op. 12
Allegramente, Sostenuto ma non troppo – Lento ma non troppo Vivo

Pause

Grażina Bacewicz (19091969)
Quartett für vier Violinen
Allegretto – Andante tranquillo – Molto allegro

Antonín Dvořák (18411904)
Streichquintett G-Dur op. 77
Allegro con fuoco, Più mosso – Scherzo. Allegro vivace –Poco andante, L’istesso tempo – Finale. Allegro assai

Besetzung


Dmitri Schostakowitsch (19061975)

Katarzyna Woznica, Alina Florescu, Birgit Seifart, Franziska Pertler   Violine
Cornelius Mayer, Dorothea Galler   Viola
Franz Lichtenstern, Clemens Weigel   Violoncello

Zoltán Kodály (18821967)

Franziska Pertler, Alina Florescu   Violine
Dorothea Galler   Viola

Pause

Grażina Bacewicz (19091969)

Katarzyna Woznica, Alina Florescu, Birgit Seifart, Katja Lämmermann   Violine

Antonín Dvořák (18411904)

Katja Lämmermann, Birgit Seifart   Violine
Cornelius Mayer   Viola
Clemens Weigel   Violoncello
Sophie Lücke   Kontrabass