»Klassiker«
Mit neuem Bewusstsein
Sergej Prokofjew komponierte seine Sonate für zwei Violinen C-Dur op. 56 im Sommer des Jahres 1932, in welchem er auf Einladung von Jacques Sadoul, dem französischen Kommunisten und Auslandskorrespondent der elitären und noch heute bestehenden Zeitung »Iswestija«, in der Nähe von Saint-Tropez verbrachte. Prokofjew konnte sich in einem Landhaus direkt an der Mittelmeerküste – in der ruhigen Abgeschiedenheit der lokalen Kiefernwälder und mit einem malerischen Blick auf den naheliegenden Ozean – vollkommen seiner kompositorischen Arbeit widmen. Dieses Werk leitet neben dem Klavierkonzert Nr. 5 op. 55 und den Sonatinen für Klavier op. 54 ein neues musikalisches Ideal ein, wie Prokofjew es auch in einigen der Briefe an seinen Freund und Kollegen Nikolaj Mjaskowski beschrieb: »Ich strebte nach einer ›Neuen Einfachheit‹, musste aber wahrnehmen, dass diese ihrer neuen Formen und hauptsächlich ihres neuen tonalen Aufbaus wegen nicht verstanden wurde. Ich gab aber die Hoffnung nicht auf, dass mit der Zeit die Mehrzahl meiner Werke einfach erscheinen würde, sobald sich das Ohr an die neuen melodischen Bildungen gewöhnt hätte, das heißt, wenn diese Bildungen als Tonsprache akzeptiert würden.« Merkmale dieses neuen kompositorischen Stils Prokofjews sind zum einen die mehrheitliche Übereinstimmung mit der ästhetischen Doktrin des sowjetischen Realismus, zum anderen ein Wegbewegen von der »dissonanten Härte« seiner frühen Werke.
Franz Schuberts Oktett D 803 für Streicher und Bläser kann durchaus als eine sinfonische Studie des Komponisten angesehen werden, was durch einen Brief Schuberts an seinen Freund Leopold Kupelwieser unterstrichen wird:»An Liedern habe ich wenig Neues gemacht, dagegen versuchte ich mich in mehreren Instrumental-Sachen, denn ich komponierte 2 Quartette für Violinen, Viola und Violoncelli und ein Oktett und will noch ein Quartett schreiben. Überhaupt will ich mir auf diese Art den Weg zur großen Sinfonie bahnen.« Deutlich spielt der Komponist hier auf seine Sinfonie in C-Dur an, welche dieser zwei Jahre später vollenden sollte. Schubert erhielt den Auftrag zu seinem Oktett von Ferdinand Graf Troyer, dem Obersthofmeister des Erzherzogs Rudolf, der selbst ein fähiger und begabter Klarinettist war. Eine deutliche Anlehnung an Beethoven lässt sich insbesondere in der Satzfolge des Oktetts erkennen, die sich stark an Beethovens berühmtem Septett Es-Dur op. 20 orientiert. Allerdings erweiterte Schubert die klassische Septett-Besetzung um eine Violine und entwickelte mit besonderem Eifer ein Werk für acht Musiker. Nach Fertigstellung feierte das Stück gleich zwei Premieren: Zunächst wurde es 1824 in privatem Kreise und erst drei Jahre später im Wiener Musikverein erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgeführt. Nicht nur auf das große Vorbild Beethovens nimmt das Werk Bezug, sondern auch auf Mozart, einen weiteren bekannten Vertreter der »Wiener Divertimento«-Tradition, die Schubert hier unter sinfonischen Vorzeichen noch einmal aufleben lässt. So folgt auf das erste Allegro in Sonatenform ein Adagio, daraufhin ein Scherzo. Im folgenden langsamen Satz führt Schubert Variationen ein, denen sich ein zweites Menuett und ein Finale anschließen. Ganz in Schuberts Stil kann sich der Hörer auf einen verknüpften Klang von Streichern und Bläsern einstellen, der sich zu einem wunderbar gewobenen Klangteppich erhebt.
Sergej Prokofjew (1891–1953)
Sonate für zwei Violinen C-Dur op. 56
Andante cantabile – Allegro – Commodo (quasi Allegretto) – Allegro con brio
– Pause –
Franz Schubert (1797–1828)
Oktett für Streichquintett, Klarinette, Horn und Fagott F-Dur D 803
Adagio. Allegro – Adagio – (Scherzo) Allegro vivace. Trio – Thema. Andante (mit 7 Variationen) – Menuetto. Allegretto. Trio – Andante molto. Allegro
Besetzung
Sergei Prokofjew: Sonate für zwei Violinen C-Dur op. 56:
Susanne Sonnemann, Katarzyna Woznica Violine
Franz Schubert: Oktett für Streichquintett, Klarinette, Horn und Fagott F-Dur D 803:
Katja Lämmermann, Birgit Seifart Violine
Dorothea Galler Viola
Franz Lichtenstern Violoncello
Michael Neumann Kontrabass
Michael Meinel Klarinette
Linus Bernoulli Horn
Cornelius Rinderle Fagott