»Bruch - Stücke - Struktur«

Kammerkonzert

Auf Wunsch seines Klarinette spielenden Sohnes Felix wollte der 70-jährige Max Bruch ein Werk komponieren, das als Ergänzung zu Mozarts »Kegelstatt-Trio« KV 498 oder Schumanns »Märchenerzählungen« op. 132 in einer Klarinettentrio-Besetzung aufgeführt werden konnte. Im Gegensatz zu den beiden genannten Vorbildern schuf Bruch mit seinen Acht Stücken für Klarinette, Viola und Klavier op. 83 schließlich eine Reihe von acht Einzelwerken, deren bildhafte Musiksprache in bester romantischer Tradition steht und welche jeweils der typischen Klangfarbe und Spielweise der einzelnen Instrumente nachspüren.

»Mein Bruder kann viel, er hat nur einen Fehler, er ist fünf Jahre älter als ich.« Dieser Satz von Rudolf Hindemith, dem weitgehend unbekannten Bruder Paul Hindemiths, veranschaulicht dessen fortdauerndes Hadern mit dem Schicksal des »ewig Zweiten« im Rennen der beiden Brüder um die Gunst des Publikums. Erst in den vergangenen Jahren konnte sein kompositorisches Wirken zunehmend an Beachtung gewinnen. Dabei offenbart sich dem Zuhörer in Rudolf Hindemiths Werken eine überraschende Originalität, gepaart mit einem sprühenden Temperament – beides Wesenszüge, die auch seiner Persönlichkeit weitestgehend entsprachen, da er sich zeitlebens als autonomer Künstler verstand, der aus dem Schatten seines berühmten Bruders heraustreten wollte. Im direkten Vergleich zur hochromantischen Tonsprache Max Bruchs weist Hindemiths Serenade für Klarinette, Streichquartett und Kontrabass, deren Variationen das Largo aus Antonín Dvořáks 9. Sinfonie »Aus der Neuen Welt« zugrunde liegt, eine ausnehmendfrische und verspielt wirkende Handschrift auf.

Franz Schuberts Streichquintett C-Dur op. 163 D 956, welches dieser wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 1828 vollendete, stellt das längste und reifste seiner kammermusikalischen Werke dar und darf folglich als dessen Schwanengesang auf diesem Gebiet angesehen werden. Mit seiner geradezu sinfonischen Ausweitung lässt das Quintett – wie auch die späten Streichquartette und Klaviertrios – den äußeren formalen Rahmen einer klassischen Viersätzigkeit weit hinter sich und versieht stattdessen jeden Einzelsatz mit weitverzweigten musikalischen Strukturen. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass sich Schubert bei der Komposition seines Streichquintetts weit weniger von motivisch-thematischen Überlegungen, sondern vielmehr von der Arbeit mit abstrakten Klanggebilden inspirieren ließ. Bei den Verlegern und Konzertveranstaltern der Schubert-Zeit stieß das Werk wegen seiner unkonventionellen Machart zunächst auf breites Unverständnis, weshalb es erst im Jahr 1850 – über zwanzig Jahre nach dem Tod des Komponisten – zu einer ersten öffentlichen Aufführung in Wien kam und die erste Drucklegung sogar erst im Jahr 1853 erfolgte. Doch gerade durch seinen sinfonischen Aufbau, sein bestechende Klangschönheit sowie lebendige formale Gegensätzlichkeit, welche die Zeitgenossen so sehr irritierte, hat sich das Quintett in unseren heutigen Konzertsälen lebendig gehalten.

Max Bruch Drei Stücke für Klarinette, Viola und Klavier op. 83
Rudolf Hindemith Serenade für Klarinette, Streichquartett und Kontrabass
Franz Schubert Streichquintett C-Dur op. 163 D 956

Besetzung


Max Bruch (1838–1920)
Vier Stücke für Klarinette, Viola und Klavier op. 83
Nr. 1 Andante in a-Moll – Nr. 4 Allegro agitato in d-Moll –
Nr. 2 Allegro con moto in b-Moll – Nr. 7 Allegro vivace ma non troppo in B-Dur

Birgit Götz    Klarinette
Dorothea Galler    Viola
Anke Schwabe    Klavier


Rudolf Hindemith
(1900–1974)
Serenade für Klarinette, Streichquartett und Kontrabass
Marcia – Notturno – Scherzo – Variazioni – Marcia

Michael Meinel    Klarinette
Kumiko Yamauchi, Birgit Seifart    Violine
Dorothea Galler    Viola
Franz Lichtenstern    Violoncello
Sophie Lücke    Kontrabass


Franz Schubert
  (1797–1828)
Streichquintett C-Dur op. 163 D 956
Allegro ma non troppo – Adagio –
Scherzo.
Presto. Trio. Andante sostenuto – Allegretto

Katja Lämmermann, Christian Schödl    Violine
Dorothea Galler    Viola
Hans-Peter Besig, Franz Lichtenstern    Violoncello