»Brahms' fremde Freunde«
Der Franzose Adolph Blanc wurde zu Lebzeiten vor allem für sein virtuoses Violinspiel, aber auch für seine Fähigkeiten als Dirigent bewundert. Noch vor Abschluss seiner Ausbildung am renommierten Pariser Conservatoire engagierte man ihn als Orchesterleiter ans Théâtre Lyrique. Als Komponist versuchte er sich zunächst in kleineren Chorkompositionen und Bühnenmusiken, bevor er sich fast ausschließlich der Kammermusik widmete. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts wurde das Musikleben vor allem von der Oper dominiert. Adolph Blanc, der sich eben mehr für intimere Kompositionsformen interessierte, bildete somit eine deutliche Ausnahme unter seinen Komponistenkollegen. Doch seine – an der Wiener Klassik orientierten – Verdienste um die Kammermusik wurden bald erkannt und entsprechend gewürdigt. Nach seinem Tod gerieten seine Kompositionen jedoch mehr und mehr in Vergessenheit oder wurden abwertend als »gehobene Salonmusik« abgetan. Erst in jüngster Zeit begann man, sich seiner wieder wohlwollend zu erinnern, wobei das Septett für Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Klarinette, Horn und Fagott E-Dur, op. 40 heute sein bekanntestes Werk ist.
Johannes Brahms’ kammermusikalische Werke hingegen wurden nie in ihrem hohen künstlerischen Rang hinterfragt. Ganz im Gegenteil gelten sie bis heute als Höhepunkte des Repertoires. Umso erstaunlicher, dass die Sonate für Violoncello und Klavier F-Dur op. 99 – heute ein Werk, dem kein Cellist entgehen und wiederstehen kann – erstmals wenig Beachtung fand. Brahms vollendete das Werk im Sommer 1886, die öffentliche Erstaufführung fand am 26. November desselben Jahres in Wien statt. Robert Hausmann spielte den Cellopart während Brahms selbst am Klavier zu hören war. Obwohl in Dur komponiert ist in der Sonate ein leidenschaftlicher Schmerz zu spüren, den Biografen beizeiten auf eine geheime unglücklich »geliebte Freundin« des Komponisten zurückführen. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Werk um eines der expressivsten und ausdrucksstärksten Werke Brahms’, was auch Satzbezeichnungen wie »Adagio affettuoso« und »Allegro passionato« bezeugen.
Auch der Pianist Ernst von Dohnányi genoss in seiner ungarischen Heimat einen hervorragenden Ruf als Komponist von Kammermusik, gleichwohl er aufgrund politisch ambivalenter Haltungen lange Zeit einen schweren Stand in der ungarischen Gesellschaft hatte. In direkter Kontinuität zu Brahms, der sich energisch für die musikalische Ausbildung des jungen Dohnányi einsetzte, komponierte er zahlreiche Sinfonien, Opern und eben bedeutende Kammermusikwerke. Obwohl der Einfluss Brahms’ immer wieder klar zutage tritt, bildet er nie das beherrschende Element. Dohnányi verstand es, sich für alle möglichen Inspirationsquellen fruchtbar zu öffnen. In seinem Sextett für Klarinette, Horn, Violine, Viola, Violoncello und Klavier C-Dur op. 37 beispielsweise orientiert er sich an der Musiksprache Felix Mendelssohn Bartholdys und Gustav Mahlers, aber auch an der Jazz-Musik der 1930er Jahre. Dabei bleibt er in der Gestaltung des musikalischen Materials stets individuell und originell, ohne sich in lose Stil-Collagen zu verlieren.
Adolphe Blanc Septett für Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Klarinette, Horn und Fagott E-Dur op. 40
Johannes Brahms Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 2 F-Dur op. 99
Ernst von Dohnányi Sextett für Klarinette, Horn, Violine, Viola, Violoncello und Klavier C-Dur op. 37
Besetzung
Adolphe Blanc, Septett für Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Klarinette, Horn und Fagott E-Dur op. 40
Katarzyna Woznica Violine
Dorothea Galler Viola
Joseph Steinkühler Violoncello
Thomas Hille Kontrabass
Michael Meinel Klarinette
Dorothea Bender Horn
Johannes Overbeck Fagott
Johannes Brahms, Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 2 F-Dur op. 99
Franz Lichtenstern Violoncello
Anke Schwabe Klavier
Ernst von Dohnányi, Sextett für Klarinette, Horn, Violine, Viola, Violoncello und Klavier C-Dur op. 37
Michael Meinel Klarinette
Dorothea Bender Horn
Kumiko Yamauchi Violine
Dorothea Galler Viola
Franz Lichtenstern Violoncello
Aya Meinel Klavier