»AtemBogen«
Die besondere Hingabe des brasilianischen Komponisten und Dirigenten Heitor Villa-Lobos galt der nachhaltigen Weiterentwicklung und Verfeinerung der spezifisch brasilianischen Musikform des Chôros, einer traditionell für zwei Instrumente komponierten Gattung, welche sich durch ein relativ hohes Tempo sowie eine auf Sechzehntelnoten beruhende Melodie- und Rhythmusstruktur (zumeist mit einer sambatypischen Phrasierung) auszeichnet. In seinem Duo »Bachianas Brasileiras« Nr. 6 für Flöte und Fagott aus dem Jahr 1938, dem sechsten Werk aus einer Reihe von insgesamt neun Suiten, – welches, ganz nebenbei bemerkt, sogar das Wort »Chôro« in seiner Satzbezeichnung verwendet – lässt sich deutlich der Versuch des Komponisten erkennen, Stilmittel der brasilianischen Folklore und Populärmusik mit kontrapunktischen Einflüssen aus der europäischen Barockmusik zu verbinden.
Maurice Ravels Streichquartett F-Dur op. 35 rief bei seiner Uraufführung am 5. März 1904 die unterschiedlichsten Reaktionen hervor: Derweil sich Claude Debussy begeistert von dem Werk zeigte, stand ihm Ravels Mentor Gabriel Fauré eher ablehnend gegenüber. Ravel entwickelte in diesem frühen Werk – er empfand dieses als Abschluss seiner Studienzeit – eine eigenständige Klanglichkeit, etwa im 3. Satz, welcher mit seinen Tempo- und Tonartwechseln rhapsodische Züge aufweist. Die besonderen Klänge werden durch spezielle Spielweisen, vor allem in den hohen Lagen, erzeugt. In dem auf einem chromatischen Fünftonmotiv beruhenden Finalsatz lässt Ravel die Rhythmik eines Zortzicos, eines baskischen Tanzes, anklingen.
Einer bayerischen Musikerfamilie entstammend, zählte Franz Lachner in seiner langjährigen Funktion als Leiter der Münchner Hofkapelle und späterer Generalmusikdirektor zu den prägendsten Musikern des 19. Jahrhunderts. Auch wenn er durch sein Wirken in der bayerischen Hauptstadt Aufführungen von Richard Wagners Musikdramen möglich machte, so blieb er dennoch Zeit seines Lebens vor allem seinen beiden großen Vorbildern Mozart und Schubert eng verbunden. So stellt Lachners Nonett F-Dur für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass op. 121 eine Huldigung an Franz Schuberts Oktett D 803 dar, von welchem er die Tonart, den Aufbau des ersten Satzes mit langsamer Einleitung und einem anschließendem Allegro sowie zahlreiche melodische und harmonische Details übernahm. Dass Lachner mit dem zweiten Satz ein Menuett statt eines Scherzos folgen lässt, stellt stilistisch gesehen ebenfalls einen nostalgisch-verklärenden Rückgriff dar, welcher als eine Anspielung auf die Menuett-Tradition der Wiener Klassik gesehen werden kann, wie er nach 1850 in romantischen Orchestersuiten modern war. Die rhythmischen Figuren des Finalsatzes, welcher in einer kurzen Stretta endet, stellen einen erneuten Rückgriff auf die Musik Schuberts dar.
Heitor Villa-Lobos »Bachianas Brasileiras« Nr. 6 für Flöte und Fagott
Maurice Ravel Streichquartett F-Dur op. 35
Franz Lachner Nonett F-Dur für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass op. 121
Besetzung
Heitor Villa-Lobos (1887–1959)
»Bachianas Brasileiras« Nr. 6 für Flöte und Fagott
Ária (Chôro) – Fantasia (Allegro)
Annette Hartig Flöte
Cornelius Rinderle Fagott
Maurice Ravel (1875–1937)
Streichquartett F-Dur op. 35
Allegro moderato. Très doux – Assez vif, Très rythmé. Lent. 1° Tempo – Très lent – Vif et agité
Katarzyna Woznica, Otto Jussel Violine
Cornelius Mayer Viola
Hans-Peter Besig Violoncello
Franz Lachner (1803–1890)
Nonett F-Dur für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott,
Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass op. 121
Andante. Allegro moderato – Menuetto. Allegro moderato. Trio – Adagio – Allegro ma non troppo. Presto
Annette Hartig Flöte
Ursula Ens Oboe
Birgit Götz Klarinette
Johannes Bernhard Horn
Johannes Overbeck Fagott
Katarzyna Woznica Violine
Cornelius Mayer Viola
Hans-Peter Besig Violoncello
Sophie Lücke Kontrabass