Wilfried Hiller und Michael Ende © Anne Kirchbach

MOMO Interview

Wilfried Hiller, ein langjähriger Freund von Michael Ende, komponierte nach dessen Roman, MOMO als Musiktheaterstück für das Gärtnerplatztheater. Eine Zusammenfassung des Gesprächs zwischen dem Komponist Wilfried Hiller und Christina Güllich über die Oper MOMO .

Warum Momo als Oper und nicht nur als Schauspiel?

»In der Oper stellt Momo Fragen, sie hört zu – und die Leute beginnen zu singen. Diese Wirkung wäre nicht so stark, wenn Momo fragen und die anderen 'nur' antworten würden.« Mit der Musik wird die Geschichte also auf einer weiteren Ebene erzählt. Es gibt mehr Möglichkeiten, mit Gesang im Gegensatz zu gesprochenem Text, durch die Instrumentierung und über musikalische Parameter wie Rhythmus, Tempo und Melodieführung eine Geschichte zu erzählen. In der Oper werden durch krasse Tonsprünge und viele chromatische Tonschritte zum Beispiel Steigerungen, Extreme und ein Wanken zwischen Zerdrückt- und Zerrissen-Sein ausgedrückt. Zudem kann man sich speziell dem abstrakten Zeitbegriff auf musikalischer Ebene gut nähern.

Warum singt Momo nicht?

»Michael Ende sah vor 40 Jahren die erste Momo-Oper in Uraufführung. Er fand es fürchterlich. Momo sang unentwegt, sie hörte nicht mehr zu. Der damalige Komponist dachte, dass die Titelrolle unbedingt singen müsse. Aber Momo muss zuhören! Sie ist ja im Grunde eine Psychotherapeutin.« Außerdem ist sie die einzige Konstante in dem Stück, die sich nicht korrumpieren lässt. Deshalb muss sie sich durch etwas unterscheiden – und so das Ganze zusammenhalten.

Die musikalischen Grundstimmungen der Oper

Zum einen gibt es in der Oper ein gewisses italienisches Flair. Das erste was gesungen wird, ist ein italienisches Volkslied. Damit ist die Umgebung festgelegt: Man weiß, das spielt in Italien. Ebenso endet die Oper, indem Gigi auf Italienisch »Ende gut alles gut« singt.
Die zweite Grundstimmung speist sich aus asiatischen Klängen. Wilfried Hiller entschied sich für diese Färbung, da sein Freund Michael Ende eine Vorliebe für asiatische Kultur und Religion hatte. Zum anderen ließ sich der Komponist Hiller auch von seinem Lehrer Carl Orff inspirieren, dessen Vorbild das japanische No-Theater war.

Die musikalischen Charaktere

Gigi

Gigi singt Lieder im Sinne der Cantastori, der italienischen Geschichtenerzähler/innen. Hier hat Hiller ausschließlich Melodien von Michael Ende verarbeitet. Ende konnte keine Noten lesen, deshalb sang er die Melodien vor und Hiller schrieb sie auf. »Im Grunde ist Gigi für mich ein musikalisches Portrait von Michael Ende.«

Beppo

Beppo ist auch charakterisiert durch eine Melodie von Michael Ende. Es ist ein eher nachdenklich-melancholisches Motiv, das später auch von anderen übernommen wird, sich sozusagen im ganzen Ensemble auffächer. Außerdem ist Beppos berühmtes Mantra »Schritt – Besenstrich« auch musikalisch umgesetzt.

Nicola

Der Maurer Nicola wird motivisch von einem sehr rhythmisch abgehackten Klavier begleitet – der musikalischen Gestalt eines hektischen aufeinander-Stapelns von Steinen. 

Bibigirl

Die Puppe Bibigirl hat eine sehr mechanische Melodie und wird begleitet von einer Celesta (einer Art Mini-Klavier, bei dem Stahlplatten mit Hämmerchen angeschlagen werden).
In ihrem Motiv klingt eine Melodie der Aufziehpuppe Olympia von Jacques Offenbach, die eins zu eins übernommen wurde – nur in der Instrumentierung wurden eine Celesta und eine Zanza (ein Instrument, bei dem Metall-Lamellen auf einem Brett oder Resonanzkasten befestigt sind, die mit den Fingern angezupft werden) hinzugefügt, um den mechanischen Klang zu verstärken.

Die grauen Herren

Die grauen Herren werden immer von japanischen Trommeln in drei Tonhöhen begleitet: Einer hohen Shime, einer mittleren Okedo und einer tiefen Odaiko.  
Es gibt sieben graue Herren in allen Stimmlagen - vom hohen Sopran bis zum Bass. »Wenn sie kommen, dann friert es einen. Sie verbreiten einen negativen Klang. Die Musik ist schrill.« Der letzte übriggebliebene graue Herr, ein unglaublich hoher Sopran, singt in einem Duell gegen einen Kontrabass, bis schließlich beide nach unten hin 'absterben'. Da die grauen Herren zuvor auch schon von Kontrabässen begleitet wurden, werden sie also letztlich mit ihren eigenen Waffen geschlagen.

Kassiopeia

Kassiopeia wird begleitet von japanischen Tempelblöcken. Man kann auf der Bühne nicht zeigen, dass auf dem Rücken von Kassiopeia Schriftzeichen entstehen. Deshalb klingen stattdessen ganz bestimmte Rhythmen: Kassiopeia morst. Und Momo liest damit nicht die Schrift auf dem Rücken der Schildkröte, sondern sie 'liest' den Klang.

Meister Hora

Meister Hora wurde von Michael Ende als eine Figur dargestellt, die sich permanent verwandelt: mal ist er älter, dann jünger, dann ein Mann, dann eine Frau, etc. Deshalb wird er nun auf der Bühne von einem Tänzer dargestellt, die Stimme aber verleiht ihm nicht nur eine Person, sondern der Chor.
Musikalisch greift der Komponist die Liebe von Michael Ende zur asiatischen Kultur, zum japanischen Theater und zu buddhistischer Musik auf und setzt für Meister Hora 18 nordindische Klangschalen ein (Töne von A bis dis’’; inklusive 11 Naturtöne). Außerdem setzt sich Hiller mit Meister Hora als einer Todesfigur auseinander: »Michael Ende sah in den verschiedenen Dramatisierungen seines Buches (Oper, Film, Theaterstücke) immer eine seiner Meinung nach falsche Darstellung von Meister Hora. Er sagte, Meister Hora sei nicht der liebe Gott, sondern nichts anderes als der Tod. Auf Momos Frage, ob er der Tod sei, antwortet Meister Hora, dass, wenn die Menschen wüssten, was der Tod sei, sie keine Angst vor Ihm hätten.« Dieser Thematik nähert sich der Komponist, indem er die Nahtoderlebnisse einer engen Freundin – Gang durch ein langes Tor und dann plötzliches Licht – in Musik umzusetzen versucht: Das erste, was Meister Hora singt, ist ein »Momo«, das wie ein gesungener Lichtstrahl erklingen soll.

Das Spiel mit Noten und Instrumenten

Kassiopeia

»Für mich als Musiker sind die Sterne am Himmel alles Noten« sagt Wilfried Hiller. Dieser Sternenhimmel kommt auch in »Momo« vor, in Form spezieller Tonfolgen. Diese Tonfolge ergibt, wenn man die Noten verbindet, ein schräg liegendes »W« – das Sternenbild Kassiopeia. Stunden später hat sich die Erde gedreht, der Himmel steht also scheinbar auf dem Kopf und das »W« der Kassiopeia ist dann ein »M«…

Die Zauberformel

In der Oper gibt es eine immer wiederkehrende chromatische Folge von drei Tönen – eine Art musikalische Zauberformel. »Wir wollen die Leute verzaubern. Bei Carl Orff habe ich gelernt, dass Musik bestimmte Wirkungen hat. Ein Akkord – und die Leute lachen. Auch gibt es bestimmte Akkorde, bei denen man das Gefühl hat, sie umarmen einen. Musik löst etwas in den Menschen aus – ob bewusst oder unbewusst.«

Die Oboe D’Amore ...

... ist eine Oboenart, die sich durch einen besonders warmen und lieblichen Klang auszeichnet. Sie taucht auf beim 'Gang ins Licht': Kassiopeia geht voran, Momo folgt ihr. Die Oboe erklingt und wird durch die japanischen Tempelblöcke, das Morsen von Kassiopeia, begleitet.

Die Entwicklung

Die Oper ist in A geschrieben. Am Anfang singt Gigi in a-moll, das Stück endet allerdings in A-Dur, es gibt also über die Geschichte hinweg regelrecht eine Aufhellung. Innerhalb der Klangschalen-Tonreihe verschwinden die Zwischentöne und es bleiben nur noch die Naturtöne übrig. Also auch hier »lichtet« es sich. 

3 Hörner

Die Geburtsstadt von Wilfried Hiller ist Weißenhorn, wo er mittlerweile auch Ehrenbürger ist. Auf dem Wappen der Stadt sind drei Hörner abgebildet. Deshalb entschied sich Hiller dafür, in der Oper drei Hörner erklingen zu lassen: »Das ist so mein kleiner Spaß, meine Signatur in dem Stück.«