L'HEURE ESPAGNOLE Interview
Valentina Stadler im Gespräch mit Christina Güllich über ihre Arbeit und Rolle in L'HEURE ESPAGNOLE.
Wann hast du beschlossen, Sängerin zu werden?
Mit zehn Jahren habe ich auf dem Geburtstag meines Großvaters zum ersten Mal eine Opernsängerin gehört. Bis dahin war mir diese Art von Gesang noch nie begegnet. Ich war total begeistert, fragte sie, was das sei und ob man das lernen könne. Sie bejahte und sagte, man könne Gesangsunterricht nehmen. Daraufhin bin ich mit dieser Forderung zu meiner Mutter (verstellt die Stimme) »Mama, ich will Gesangsunterricht…«, und dann habe ich mit dreizehn Jahren angefangen. Der Gesang wurde zu meinem Haupthobby und als ich Abi gemacht habe, war klar, dass ich Gesang studieren will.
Was magst du besonders an deinem Beruf?
Dass er total abwechslungsreich ist. Dass er Körperliches und Geistiges miteinander vereint. Außerdem kommen alle Künste, die mir gefallen, darin vor: Man arbeitet mit Bildern, es gibt Tanz, Kostüme, Schauspiel – alles wird in der Oper in seiner höchsten Form miteinander vereint. Und man kann in diesem Beruf sehr viel reisen, vor allem im Sommer zu Festivals und Konzerten. So kommt man auch an Orte, die man sonst vielleicht nie sehen würde.
Was macht die Rolle der Concepción aus?
Ich würde sagen, sie ist eine sehr emanzipierte Frau, in dem Sinne, dass es um ihre Lust geht und darum, dass sie es sich herausnimmt, Liebhaber zu haben. Sie packt an, sie weiß was sie will! Ist dann allerdings genervt von den Männern, die nicht zur Sache kommen. Sie ist sehr leidenschaftlich und sinnlich.
Was will deine Rolle, was treibt sie an?
Ich glaube sie ist sehr hungrig. Offensichtlich fehlt ihr irgendetwas in ihrer Ehe. Sie will mehr Sinnlichkeit, Leidenschaft, sie will was erleben. Sie ist in diesem Uhrmacherladen komplett unterfordert. Ich stell mir das so vor: An diesem Ort sind immer dieselben Leute. Und dann sitzt sie da den ganzen Tag und raucht. Und ihr Mann ist weg. Es ist einfach langweilig. Aber dann sind da eben diese Männer, die es einfach nicht gebacken kriegen, mit ihr ins Bett zu gehen…
Ja, was ist denn mit den Männern in dieser Oper los?
Also alle Männer sind ständig da und wollen alle mit ihr ins Bett. Concepción will ursprünglich den Dichter. Das klappt aber nicht, weil er einfach so sehr mit sich selbst beschäftigt ist und damit, seine Gedichte zu schreiben und Inspiration dafür zu finden. Darin liegt der Humor dieser Geschichte. Die Männer stehen sich einfach selber im Weg. Da gibt es den Narzissten, der die ganze Zeit so leidenschaftlich ist, den Dichter, der die großen Worte von sich gibt, aber nicht in die Gänge kommt, dann diesen dicken Bankkaufmann, der vielleicht lieb, aber auch total trocken und unsexy ist. Da gibt’s ihren Mann, der wahrscheinlich ganz treu und süß, aber irgendwie halb blind ist. Und dann passiert die absolute Ironie, dass diese starke, attraktive Frau am Ende mit dem Mauleseltreiber im Bett landet, wo viele vielleicht sagen: »Hä, wieso hatte der denn jetzt Erfolg bei ihr?« …naja, der kann eben Sachen rumtragen, ist pragmatisch, hat vielleicht überhaupt kein Gehirn, aber kriegt was hin und ist da. Am Ende des Stückes weiß man schon, warum sie ihn nimmt. Ich werde ihm quasi in die Arme getrieben, weil die anderen einfach so Panne sind (lacht).
Hast du etwas mit Concepción gemeinsam?
Ich kann mich total in Concepción wiedererkennen, wenn es darum geht, mit welchen Typen von Männern sie konfrontiert ist, wie die Männer mit ihr umgehen, und wie man sich dann als Frau damit fühlt. Was ich nicht mit ihr gemein habe, ist diese ganze Affären-Sache. Das wäre mir einfach viel zu anstrengend. Denn in diesem Stück bin ich nur am Rumrennen. Da sind diese Männer, die ständig was von ihr wollen, dann aber wiederum doch nicht zu Potte kommen. Und sie ist die ganze Zeit damit beschäftigt, das alles zu verstecken. Das ist einfach nervenaufreibend.
Andererseits könnte ich mir vielleicht auch eine Scheibe davon abschneiden, dass sie sagt: »Ok, mir fehlt dieses und jenes, oder ich bin gelangweilt und ich nehme mir was ich will!« Ist auch eine Einstellung.
Gibt es etwas besonders Schwieriges an deiner Rolle?
Es ist musikalisch eine extrem schwierige Oper, extrem herausfordernd: Ständige Tempi-Wechsel, was immer auch die Stimmung impliziert, denn jeder Charakter hat auch eine eigene Stimmung. Immer wenn zum Beispiel dieser Dichter reinkommt, ist es die große lyrische Phrase, ich bin dagegen meistens total gehetzt. Es ist eigentlich absurd, was ich da rumrenne und die Männer von A nach B schiebe und total gestresst bin, weil ich die ganze Zeit versuche, irgendjemanden zu vertuschen (lacht) … das ist wirklich anstrengend!
Ist das Thema aktuell?
Ja, hier wird doch auch das Dilemma der modernen Frau gezeigt. Es vergehen 40 Minuten und ich hatte immer noch keinen Sex (lacht). Man glaubt es einfach nicht – diese Männer sind nur mit Quatschen beschäftigt! Das ist doch so ein Klischee, dass man immer sagt, die Männer wollen Sex und die Frauen nicht. Aber das halte ich zum Beispiel für totalen Quatsch. Und das zeigt diese Oper so schön.
Unternimmst du etwas Besonderes, um dich auf diese Rolle vorzubereiten? Was hilft dir dabei, dich in eine Figur hineinzuversetzen?
Man versucht natürlich, sich mit der fremden Sprache auseinanderzusetzen, zum Stück zu recherchieren, sich über den Komponisten zu informieren, usw. Natürlich gibt mir die Geschichte Ideen, mit welchen Gefühlen meine Figur unterwegs ist. Was ich besonders mag, sind die Requisiten und Kostüme, die helfen mir total. Daran erkenne ich dann, wie eine Rolle interpretiert ist, und es gibt mir Anhaltspunkte, wie ich sie wiederum interpretieren kann. Und am Ende fällt das dann alles zusammen.
Schließt du nach einem Probentag gedanklich ab, oder nimmst du die Arbeit mit nach Hause?
Wenn ich einen Tag frei habe, versuche ich schon, abzuschalten. Aber bei so einem achtstündigen Probentag nehme ich das auch mit. Das fängt schon damit an, dass ich in der Früh denke, was ich anziehe. Was probe ich, wie muss ich mich bewegen, wie will ich mich fühlen? Und ich betrachte in der Zeit der Proben auch immer ein bisschen die Welt durch die Augen der Rolle, die ich da gerade einstudiere. Man trägt das mit sich rum, fängt an die Musik zu lieben, hat Ohrwürmer, irgendwann kann man die Sätze der anderen auswendig. Und es ist dann wie in einer Geschichte, man fängt an seine Figur zu lieben. Man kann eine Oper anschauen und mitfühlen. Aber erst, wenn man eine der Figuren dieser Oper ist, und sie von innen heraus während des Spielens beobachtet, versteht man so richtig das Gefühl, das Dilemma oder die Geschichte der Person.
Wie sieht eine typische Probe bei euch aus?
Lukas Wachernig, der Regisseur, weiß genau, was er will. Das heißt, man kommt auf die Probe und er sagt: »Ok, ich hab mir Folgendes überlegt, lass uns mal dies und das probieren«, und stellt die Szene trocken durch. Wenn wir dann im Laufe der Proben merken, dass das nicht funktioniert, oder andere Ideen auftauchen, dann wird das auch aufgegriffen. Und dann muss man oft Sachen miteinander timen. Das ist eigentlich das Schwierigste, finde ich. In der Oper hast du ja immer nur einen bestimmten Zeitabschnitt, den die Musik vorgibt. Da müssen dann Dinge genau in diesem Zeitraum passieren. Das fordert viel Konzentration und Üben.
Gibt es etwas, was dir besonders gut gefällt in der Oper?
Mir gefällt die Arie des Ramiro am besten. Da ist er alleine und sagt, was für eine charmante Frau Concepción doch sei, dass sie ihn so lässt wie er ist, dass sie erkennt, was er am besten kann, er seine Ruhe hat und nicht groß plaudern muss… Das ist die schönste Musik! Und dann natürlich das Finale. Das ist einfach witzig. Und geile Musik.
Im Studio, wo die Vorstellungen stattfinden, ist eine besondere Raumsituation: Im Gegensatz zur großen Bühne sitzt das Publikum hier sehr nah und schaut von drei Seiten zu. Wie geht es dir damit?
Das wird schon krass, das, was Lukas szenisch fordert, zusammen mit der Musik zu bringen, da das Orchester hinter uns sein wird und wir den Dirigenten nur auf zwei Bildschirmen sehen werden. Außerdem kann der Raum, der ja viel kleiner als die große Bühne ist, akustisch eine ziemliche Herausforderung sein.
Ja, und es gibt nicht mehr dieses Vierte-Wand-Opern-Ding, nicht dieses typische nach-vorne-Spielen, sondern alle Richtungen sind offen. Das ist schon was Tolles. Wir haben viele Nebenschauplätze, die man von allen Seiten sehen kann – was zum Humor der Oper sehr stark beiträgt. Aber man kann sich als Darsteller/in auch nicht verstecken.
Was macht diese Inszenierung aus? Gibt es zum Beispiel besondere Requisiten oder Zeichen?
Ich finde die Idee mit dem Bühnenbild, das an die Bilder von Salvador Dalì angelehnt ist, total gut. Dalì bringt zum einen dieses Spanische mit und zum anderen passen seine fließenden Uhren einfach unglaublich gut. Gerade die abstrakten Sachen, wie zum Beispiel die Uhr, die sich einer auf den Kopf setzt, die dieses Auge ist. Und ich finde auch die Kostüme in den knalligen Farben ganz toll. Da ist viel Absurdes drin, was viel Raum für Fantasie gibt.
Was würdest du dir wünschen, was die Zuschauer aus dieser Oper mitnehmen sollen?
Vielleicht mehr Interesse für dieses Repertoire, das ist ja schon etwas sehr eigenes, gerade auch in Deutschland. Die impressionistischen Klänge, die Art von Humor, und auch die Art von Oper. Es ist ja keine gewöhnliche Oper, sondern die ganze Zeit mehr Sprechgesang. Da muss man sich darauf einlassen. Ich fände es schön, wenn man als Zuschauer/in einen Zugang dazu findet.
Du hast diesen Zugang?
Jaaa! Ich liebe französische Musik! Das ist irgendwie wie so ein Monet-Bild.